Die Abenteuer des Ritters Kunibert

König Arbogast sass auf dem weichen Stoff der das mit einem purpurroten Baldachin überspannten Bett bedeckte. In seinen Armen hielt er seine geliebte Königin Bertholde. Sie weinte und schluchzte. Als der König tröstend seine Hand über ihr Haupt strich, entwich eine grosse, schwere Träne aus seinen Augen.

Nur der Schein des lodernden Feuers im Steinkamin erhellte das Gemach des Paares. Regen prasselte an die mit Holzläden verschlossenen Fensteröffnungen. Es war der elfte Tag im Novembermonat. Der Geburtstag der Königstochter der Prinzessin Gerda. Sie war im zarten Alter von neun Jahren auf mysteriöse Weise verschwunden. Vom Versteckspiel im nahegelegenen Wald war sie nie zurückgekehrt. Die anderen Kinder, Herta die Tochter der königlichen Maitresse und Inke eine Magdstochter hatte man verstört aufgefunden und sprachen seit eben genanntem Tag nicht mehr. Bei den Bürgern der Stadt und auf der Burg Falkenstein sind seit diesem Ereignis Stimmen laut und es wurden sich Geschichten über das Verschwinden der Prinzessin erzählt. Einige wollten beobachtet haben, wie ein gewaltiges drachenähnliches Wesen die Prinzessin verschleppte. Andere glaubten, dass die mysteriöse Frau im Wald das Kind bei sich gefangen hält. Wieder andere glaubten an eine grausame Tat des feindlichen Ritters Norman. Was auch immer mit Prinzessin Gerda geschehen war. Der Tag ihrer Geburt war für das Königspaar kaum aushaltbar und ihre Trauer löste einen unendlichen Schmerz aus.

Spät in der Nacht versammelte der König seine Berater und setzte sich mit ihnen an die grosse Tafel im Festsaal des Palas. Es wurde beraten und schliesslich entschieden, dass tapfere Männer und Frauen aus allen Landen des Reiches gefunden werden sollten, um sich auf die Suche nach Gerda zu machen. Im Morgengrauen wurden Boten entsandt, die die Nachricht des Königs unter die Leute brachten. 

 

Fahnen mit den Wappenfarben der Burg Falkenstein wehten im Wind. Posaunen- und Trompetenklänge hallten über die Lande. Auf der Burg herrschte Reges Treiben. Bauern und Händler boten Waren an. Gaukler entzückten die Leute mit atemberaubenden Kunsttücken und Zaubertricks. Im Wirtshaus wurde Bier und Wein ausgeschenkt und die Menschen mit herrlich duftendem Schweinefleisch verköstigt, das stundenlang über dem offenen Feuer  gebraten wurde. Der Aufzug der mutigen Freiwilligen, die sich auf die Suche nach der Prinzessin machen wollten, war der Höhepunkt der Festlichkeiten und wurde sehnlichst erwartet.

König Arbogast und Königin Bertholde nahmen auf den mächtigen Holzstühlen Platz. Spezielle für diesen besonderen Tag wurde eine reich verzierte mit einem Dach überspannte Holztribüne gebeut, von der aus das Königspaar das Geschehen überblicken konnte. Es war ein wunderschöner Herbsttag. „Herzlich willkommen heisse ich alle, die  den Weg auf die Burg Falkenstein auf sich genommen haben und heute hier erschienen sind!“, mit diesen Worten begrüsste der König die Menschenmassen, die sich im ausladenden Burghof versammelt haben. Bald wurde der Befehl erteilt und der König liess alle freiwilligen Männer und Frauen in die Arena einlaufen. Stolze Ritter, mächtige Krieger, geheimnisvolle Gestalten in Mäntel gehüllt, mit Fell und Leder bekleidete Barbaren, Waldmenschen und viele andere Freiwillige marschierten unter lautem Beifall an den Zuschauern und dem Königspaar vorbei. Unter ihnen auch Ritter Kunibert. Ein von weit hergereister Edelmann aus den Westerlanden. Er betrat die Arena an der Seite seines getreuen Pferdes Brego. Seine Rüstung glänzte und schimmerte unter den Strahlen der Nachmittagssonne. Seinen Helm hatte er abgenommen. Der Ausdruck im Gesicht war ernst. Kämpfe, Abenteuer und tiefgehende Erlebnisse hatten ihre Spuren hinterlassen. Er stellte sich mit den anderen Freiwilligen vor dem Königspaar auf und grüsste, so wie es in seinen Landen üblich war. „Mutige Männer und Frauen, es gebührt euch grosser Dank, dass ihr heute hier erschienen seid….!“ Das waren die ersten Worte, die der König sprach. Die traurige Geschichte der verschwunden Prinzessin war über die Lande derer von Falkenstein bekannt und auch Ritter Kunibert hatte Kunde davon. Seine Blicke schweiften und seine Sinne sogen die Atmosphäre ein. Er atmete tief, Brego schnaubte und stampfte seine Hufe in den lehmigen Boden. 

 

„…Nicht alle von euch werden überleben. Nur eine Belohnung wird vergeben und nur einmal wird Ruhm auf alle Zeit verliehen für das Finden und Retten unserer geliebten Tochter. Ich kann euch nichts über die bevorstehenden Gefahren sagen und weiss nicht, was mit euch geschehen wird. Möge euch beschützen, was euch Wichtig ist und mögen eure Aufwendungen nicht vergebens sein!“ Mit diesen Worten sank der stolze König geknechtet von einer schweren Last, die auf ihm Lag, zurück in seinen hölzernen Thron. Die Königin nahm die Hand ihres Gemahls und hielt sie fest. 

 

Die freiwilligen Männer und Frauen mischten sich unter das Volk und erfreuten sich an Speis, Trank und Unterhaltung. Ritter Kunibert verbrachte die Zeit im Wirtshaus. Als der Mond hoch am Himmel stand, entledigte er sich seiner Rüstung und legte sich neben Brego auf einen Sack mit Stroh gefüllt. In dieser Nacht fand er kaum Schlaf. 

 

Ein Hahn krähte. Kunibert stand auf, zog sich an und spürte, dass er kaum ausgeruht und beim Kräften. Seine Rüstung band er auf dem Rücken seines Pferdes fest, nahm die Zügel in die Hand und stapfte aus der Scheune heraus ans Tageslicht. Es herrschte emsiges Treiben. Einige der Freiwilligen sahen sich zu grossen Gefahren ausgesetzt und hatten bereits wieder den Weg in ihre heimatlichen Lande angetreten. Ihnen war die Belohnung und Ruhm nicht genug, um das eigene Leben für eine Prinzessin aus einem fremden Königreich aufs Spiel zu setzen. Ein Gruppe bestehend aus zwei Männern und einer Frau, die alle einen furchteinflössenden Einblick machten und mit Speeren, Schwertern und Schildern bewaffnet waren, galoppierten vorbei. Ihre Kampfschreie erschreckten die anwesenden Menschen. Sie waren von denen, die sich ins Abenteuer stürzten und die unheilverheissende Suche nach der Prinzessin aufnahmen. Kunibert schwang sich auf den Rücken von Brego. Seine Augen erblickten die Königin auf dem Balkon des Palas. Mit einem weissen Tuch, wischte sie sich ihre Tränen aus den Augen. Ein heftiger Windstoss fegte entlang der Mauern, hinein in den Burghof und entriss der Königin das Tränentuch. Es wurde vom Wind hochgetragen, über das Dach des Bergfrieds und verschwand alsbald in der Ferne. Kunibert löste seinen Blick von der Königin und gab Brego die Zügel.

 

Die Angelegenheiten der Menschen in Westerlanden waren ihm wichtiger. Er verliess Burg Falkenstein und machte sich auf den Weg zurück in seine Heimat. >>

 

Mutig und fest entschlossen entschied er sich, die Suche nach der Prinzessin auf sich zu nehmen. >>